| 12. September 2003
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Kommentar
Neulich beim Joggen. Ich steige aus dem Auto aus, laufe die ersten schweren Schritte. Die ersten sind die schwersten, danach gehts. Die Knochen sind muede von einem anstrengenden Tag, die Beine wollen nicht so richtig vom Boden abheben.
Der lange Lauf zu mir selbst, nannte Joschka sein Buch. Ein beschissenes Geschaeft. Mein Blick verliert sich im gruenen Rasen der grossen Stadtparkanlage.
Kilometer 2. Als ich neulich mal wieder auf der Suche nach Zitaten und Kopien meiner Artikel bei Google war, gespannt darauf, was es neues gibt und wer mich mal wieder kopiert hat, stach mir ein Link ganz besonders ins Auge: Kabarettist - Berlin. Kennst Du den nicht aus dem Fernsehen? Klick. Mein kompletter Artikel entfaltet sich in seinem schlechten blauen Layout. Fair? Er hat mich wenigstens als Verfasser genannt.
Kilometer 4. Ich bin auf der langen Geraden. Hier kommt immer der Punkt, wo es sich entscheiden wird, ob mir die letzten 10 Kilometer noch Spass machen werden oder ob es eine toedliche Selbstueberwindung wird. Ich kenne das mittlerweile: Recherche des Website-Betreibers bei der Denic oder Verisign - klar, er hat natuerlich kein Impressum, so ein beruehmter Mann. Will er nicht, dass man ihm schreibt? Ich schreibe ihm.
Die Texte sind immer die gleichen: Sie haben kopiert, ich finde das nicht toll - warum haben sie nicht gefragt? - ich will Geld, mir reicht´s. Und dann zum Schluss die Keule, Strafanzeige wegen fehlendem Impressum und Anwalt, der richtig Geld will.
Kilometer 5. Der Brief ist per Einschreiben raus. Warten. Der dritte Brief diese Woche. Es langweilt mich. Mittags, Briefkasten oeffnen, Einschreiben zurueck - der Kabarettist ist nicht zu ermitteln. Verdammt. Wieder 2 Euro 15 verballert fuer nix. Genauer recherchiert, noch eine Adresse - hat der Mann auch andere Hobbies? Ich rufe das Management an, will nett sein, will mich nicht entschuldigen muessen, will einfach nur sagen, dass mir der Kragen platzt. Anrufbeantworter.
Kilometer 6. Das Telefon klingelt, das Management ist dran. Worum gehts, sie haben geklaut - das machen alle so, ausserdem haben wir den Verfasser genannt. Das darf man - ja ja ja. Man darf den Verfasser nennen, ich will nix erklaeren, versteht sie sowieso nicht. Wollen sie Geld? Ja, ich will. Sie koennen mir gar nix, ich habe auch einen Anwalt. Wer sind sie ueberhaupt? Ich bin der, den sie beklaut haben. Man bin ich muede.
Kilometer 7. Sie ist immer noch dran. Hier laufen die Beine wie alleine. Nichts schmerzt, die Schuhe fangen erst spaeter an. Ich sage ihr, dass es einfacher waere, mir die Privatadresse zu nennen, sonst werde ich Anzeige erstatten und erinnere an das TDG und die Impressumspflicht. Wir haben soviele Seiten, dafuer koennen wir nun wirklich nichts. Ausserdem ist alles erlaubt. Und warum geht es ihnen so schlecht, dass sie Geld wollen, reicht nicht die Loeschung. Verdammt nein.
Kilometer 8. Felder, endlich Luft. Ich sage, wie waer´s denn mit einem guten Groenemeyer-Song als MP3-Download mit Verfasser-Angabe auf ihrer Homepage? Ja, das waere geklaut, der Artikel ist aber doch nur gute Werbung fuer sie. Und wovon soll ich leben, wenn alle meine Texte klauen? Lebensbeichte eines Abmahners. Wald. Es ist schon spaet. Finde den Weg kaum.
Kilometer 9. Wende, ist nicht mehr weit. Warum machst du das alles? Sie haben doch eh immer die gleichen Antworten. Geh gleich zum Anwalt, soll der sich damit rumschlagen - der haut vielleicht auch mehr raus, hat nicht so ein weiches Herz. Du hast doch damals auch bezahlt und nicht schlecht. Aber hattest du irgendwie ein Unrechtsbewusstsein. Ja, verdammt ja. Aber du hast um den Preis gehandelt. Da gings auch um viel mehr.
Kilometer 10. Hunde. Ich hasse Hunde beim Joggen und die Tanten daneben, die ihren Schaeferhund beim Tratschen nicht im Augen haben. Das Knie tut weh, macht es hier immer. Lauf, lauf - entspann dich, gib nicht auf. Die Tante will was schriftliches, genau darum geht es doch. Ich knall ihr eine Adresse versuchsweise an den Kopf, sie ist ueberrascht - er hat ein Recht auf ein Privatleben, - mein Gott, ich auch.
Kilometer 11. Sie wuenscht mir ein schoenes Wochenende und wartet auf den Brief, verspricht, das Gespraech weiterzugeben. Ok. Lege auf, mulmiges Gefuehl in der Magengegend - sie hat kein Unrechtsbewusstsein, ich will Kohle, ihn soll man in Ruhe lassen und ausserdem klauen alle auch von ihm - jetzt bin ich der Taeter.
Kilometer 12. Ich hoere damit auf. Ich will nicht mehr, nicht mehr schreiben, nicht mehr zuhoeren, nicht mehr nett sein. Lasst mich alle in Ruhe. Laufen, laufen, laufen.
Kilometer 13. Wieder die lange Gerade. Ok. Du hast es versucht, der Brief geht wieder raus, kleine fiese Ergaenzung drin, mal sehen, ob der handeln will - Termin noch mal verlaengert. Warten.
Kilometer 14. Wenn du wieder den Rasen siehst, dann hast du es geschafft. Sie denken da draussen ueber dich nach, irgendwo in Berlin. Versuchen dich einzuschaetzen, wie ist der Typ drauf, will der nur abkassieren? Dabei willst du gar nicht, dass sie so ueber dich denken. Du bist doch eigentlich ein netter Kerl, machst fast alles kostenlos, greifst Kollegen unter die Arme, bist selbst freundlich zu deinen Nachbarn. Sie denken trotzdem ueber dich nach.
Kilometer 14,5. Ziel. Geschafft. Sieg. Ich mache weiter. Egal, wie sie denken. Du bist nicht der Taeter, sie sind es doch. Lass dich nicht fertig machen. Du bist bereit zu handeln, willst verzichten. Sollen sie auch einmal verzichten.





